surfing

2004
one-channel installation
loop 2:11 min.
actor: Wolfgang Vollmer
no sound

An undulating water surface; in it, a swimmer floating on his back in the position of a dead man. The body is borne by the waves; sometimes they swallow him up, washing over the body, and making him disappear for a brief time. So much on the minimalist scenario of Maria Vedder’s video installation SURFING. With extremely reduced means, the artist has created a parable of the instability of human existence. A state of suspension is made visible; it can mean a oneness with the elements, or it can mean being consumed. Plunging into the depth. Loss of control. Devotion. Self-abandonment.

The special quality of SURFING consists in the fact that the field of tension it sketches between the experience of identity and the loss of identity is not only represented on the level of depiction, but can also be physically and mentally experienced by the viewer. Contributing to this is not only the large-format projection screen with the undulating surface of the sea filling the entire visual field, but also the consciously jerky hand-held camera. With no horizon line or clearly locatable camera perspective, we lose the orientation points that generally guarantee the viewer a firm standpoint outside what is depicted. Instead of a secure position “in front of” the picture, the viewer becomes part of it – an effect-aesthetic component, incidentally, that ties Maria Vedder’s strategy to the commitments of the Dogma filmmakers: evocation of presence instead of representation. In this context, the presentation as loop is also significant. With the endless repetition of the originally approximately 2-minute sequence, Maria Vedder levels the already minimal narrative or dramaturgical impetus of what is depicted, replacing it with a serial order that can be read as a structural correlation with the regular rhythm of the tides. In the viewer, this rhythmization evokes that “oceanic feeling” that Sigmund Freud defined as a temporary state in which the boundaries of the ego are “flooded” and the individual becomes one with the world, which no longer merely surrounds him, but which he experiences himself as being part of.

Nonetheless – or better: precisely because of that – there are moments of threat and, yes, even uncanniness in the staging. They make it clear that the feeling of being one and of being connected with the world cannot be equated with a timeless state of harmony. Precisely the moments when the floating body is washed over by waves, is swallowed, and briefly disappears point out the precariousness of harmony between the self and the world. Being in the world always also comprises being at the mercy of fate, a thrownness in Heidegger’s sense, which is brought to metaphorical expression in the image of the sinking swimmer. That the figure of the “dead man” that Maria Vedder has chosen can stand for a lightness of being as well as for the depths of fate is what makes the installation fascinating – and it shows the subliminal humor with which the artist invites the recipient to engage in meditative-philosophical surfing.

Anja Osswald

Darsteller: Wolfgang Vollmer
ohne Ton

Eine wogende Wasseroberfläche, darin ein Schwimmer, der in der Position des toten Mannes auf dem Rücken treibt. Der Körper wird von den Wellen getragen, manchmal verschlingen sie ihn, brechen über dem Körper und bringen ihn für kurze Zeit zum Verschwinden. Soviel zum minimalistischen Szenario der Videoinstallation SURFING von Maria Vedder. Mit äußerst reduzierten Mitteln hat die Künstlerin ein Gleichnis auf die Labilität des menschlichen Daseins geschaffen. Visualisiert wird ein Schwebezustand, der ebenso ein Einssein mit den Elementen bedeuten kann wie ein Verschlungenwerden. Abtauchen in die Tiefe. Verlust der Kontrolle. Hingabe. Selbstaufgabe.

Die besondere Qualität von SURFING besteht darin, dass das damit umrissene Spannungsfeld zwischen Identitätserfahrung und Identitätsverlust nicht nur auf der Darstellungsebene repräsentiert ist, sondern für den Betrachter physisch und psychisch erlebbar wird. Dazu trägt nicht nur die großformatige Projektionsfläche mit der die ganze Bildfläche ausfüllenden wogenden Meeresoberfläche bei, sondern auch die bewusst wacklige Handkamera. Ohne Horizontlinie oder eine klar verortbare Kameraperspektive entfallen eben die Orientierungspunkte, die dem Betrachter im allgemeinen einen festen Standort außerhalb des Dargestellten garantieren. An die Stelle einer sicheren Position „vor“ dem Bild wird er Teil desselben – eine wirkungsästhetische Komponente, die Maria Vedders Strategie übrigens mit den Bekenntnissen der Dogma-Filmer verbindet: Evozierung von Präsenz anstelle von Repräsentation. In diesem Zusammenhang kommt auch der Vorführung als Loop Bedeutung zu. Durch die unendliche Wiederholung der ursprünglich ca. 2 minütigen langen Sequenz nivelliert Maria Vedder den ohnehin minimalen erzählerischen oder dramaturgischen Impetus des Dargestellten und ersetzt diesen durch eine serielle Ordnung, die als strukturelles Pendant zum gleichförmigen Rhythmus der Gezeiten gelesen werden kann. Beim Betrachter evoziert diese Rhythmisierung eben jenes „ozeanische Gefühl“, das Sigmund Freud als einen temporären Zustand definiert hat, in dem die Grenzen des Ichs „geflutet“ werden und das Individuum eins wird mit der Welt, die es nun nicht mehr lediglich umgibt, sondern als deren Teil es sich erfährt.

Trotzdem – oder besser, genau deshalb - gibt es Momente des Bedrohlichen, ja fast Unheimlichen in der Inszenierung, die deutlich machen, dass das Gefühl des Einsseins und einer Welt-Verbundenheit keinesfalls mit einem zeitlosen Zustand der Harmonie gleichzusetzen ist. Gerade die Momente, in denen der treibende Körper von Wellen überspült, verschluckt wird und kurzzeitig verschwindet, verweisen auf das Prekäre der Harmonie von Ich und Welt. Das In-der-Welt-Sein beinhaltet immer auch ein Ausgeliefertsein ans Schicksal, eine Geworfenheit im Sinne Heideggers, die im Bild des untergehenden Schwimmers metaphorisch zum Ausdruck kommt. Dass die von Maria Vedder gewählte Figur des „toten Mannes“ damit sowohl für eine Leichtigkeit des Seins stehen kann als auch für die Untiefen des Schicksals, macht den Reiz der Installation aus – und zeigt den unterschwelligen Humor, mit dem die Künstlerin den Rezipienten zum meditativ-philosophischen Surfen einlädt.

Anja Osswald