Desire Lines

2015

Die Fotografien entstanden auf einer Brache in Berlin-Rummelsburg. Bis zum Mauerfall waren hier eine Bremsenfabrik und ein Gasometer, 2016 wurde eine Großsiedlung mit 160 Wohnungen gebaut. In den 25 Jahre dazwischen wurde der Freiraum frequentiert von spielenden Kindern, Hunden und ihren Besitzern, Feste feiernden Nachbarn, plain air arbeitenden Künstlern, Angestellten auf dem Weg zum Büro und von allen unterwegs zur S-Bahn. Die über die Jahre entstandenen Pfade sind ihre Spuren.

Trampelpfade ergeben sich durch häufiges Begehen gleicher Wegstrecken in unwegsamem Gebiet durch Mensch oder Tier und sind der ursprünglichste Typ von Wegen. Ein Pfad ist gelegentlich schwer im Gelände auszumachen und kann von Menschen meist nur hintereinander begangen werden. Trampelpfade stellen eine Wegoptimierung dar und folgen damit einem Bedürfnis. Dieses wird in den englischen Begriffen desire path oder desire lines passend ausgedrückt. An der Bildung eines Trampelpfades ist meist eine Vielzahl von Menschen oder Tieren beteiligt. Trampelpfade bilden eine Abkürzung, einen bequemeren oder den einzig gangbaren Weg um Hindernisse herum.
Seit den ersten Untersuchungen zum Fußverkehr in den 1960er Jahren ist klar, dass die scheinbar „chaotische“ Bewegung von Fußgängern gewissen Regelmäßigkeiten unterliegt. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die ein bestimmtes Ziel haben. Um dieses zu erreichen, wählen sie normalerweise die kürzeste Route. Die Abneigung des Fußverkehrs, Umwege zu laufen, ist ausgesprochen groß, selbst wenn man über den direkten Weg nur langsam vorankommt. Sofern die vorhandenen Wege ungünstig verlaufen, entstehen auf dem direkten Weg ungeplante Wegesysteme. Sie zeugen von der inneren Logik eines scheinbaren Chaos und der Sehnsucht des Menschen, eigene Wege zu gehen.

„Von Abdrücken individueller, irregulärer Bewegungen in der Stadt handelt die Arbeit der Medienkünstlerin Maria Vedder. Ihre Serie „Desire Lines“ zeigt Fotografien eigenwillig verzweigter oder parallel laufender Spuren, die als Trampelpfade in einer Lichtenberger Brache hinterlassen wurden.
Irgendetwas ließ einen nach dem anderen diese Wege gehen, so dass sie zu kollektiven Pfaden wurden. Was genau dies anziehende „Irgendetwas“ gewesen ist, zeigen die Bilder nicht. Sie interessieren sich nicht für die Ausgangs- und Endpunkte, sie interessieren sich für die Strecken dazwischen und die Formen, die diese zeigen. Sie denken die Lichtenberger Brache, die inzwischen nicht mehr existiert, als Grund, in den sich Ströme von Bewegungen eingetragen haben (und von „desire“, Begehren). Die Formen, die dabei entstanden sind, ähneln einerseits prähistorischen Zeichen, sie lassen an Runen denken. Andererseits erinnern sie auch an den Ursprung von Städten. Städte, so weiß man, entstanden zumeist an den Kreuzungen vielbenutzter Wege.“
Michael Baute