beieinander
2006
Film und Installation
4Min.
Musik: Pascal Comelade
In seltenen
Wahrnehmungssituationen erhalten die Dinge ein Maximum an Sichtbarkeit und ein
Minimum an Bedeutung. Es sind Situationen, in denen Alltägliches fremd wird,
Vertrautes seinen Zeichencharakter verliert und für einen Moment im Zauber des
Ungefähren oszilliert.
Eine solche Situation
schafft Maria Vedder mit ihrem Video „beieinander“. Die Arbeit gehört zu Serie „Inszenierungen des Alltags“. Ein
im Wind sich blähender Vorhang wird durch den Kunstgriff einer um 90 Grad
gekippten Kameraperspektive zu einem seltsam schönen Stoffobjekt in lichtem
Titanweiss, das sich entgegen den Gesetzen der Schwerkraft in die Waagerechte
ausdehnt, sich im Wind bläht und Falten wirft. Nichts passiert, und doch
geschieht so viel - zumindest in der Wahrnehmung der Betrachterin. Der mentale
Klassifizierungsapparat scannt das Gesehene und gleicht es mit einem imaginären
Bildspeicher ab, der von amorphen Formen von Muscheln oder Quallen bis zum
berühmten Filmbild von Marilyn Monroe reicht, die mit geblähtem Kleid über
einem Belüftungsschacht steht.
Aber der Vorhang reizt
auch zum Blick in die Tiefe, er provoziert den Wunsch, die weisse Oberfläche
des Bildes zu durchstoßen, um ins dahinter liegende Dunkel vorzudringen. Es ist
dieses Begehren, „drin“, d.h. im Bild zu sein, mit dem „beieinander“ die Urszene
visueller Schaulust zitiert und deren sexuelle Komponente explizit macht. Dass
beim genaueren Hinschauen hinter dem Vorhang ein Mann am Fenster sichtbar wird,
der sich die Fingernägel abknipst, steht dazu nicht im Widerspruch. Im
Gegenteil, auf wunderbare Weise veranschaulicht Maria Vedders „gefundene“
Alltagsszene die Nähe des Theatralischen zum Alltäglichen, des Erhabenen zum
Trivialen, der Schönheit zum Ekel und der Unschuld zum Obszönen.
Anja Osswald