Gegen die Wand_2

2018

3-Kanal-Videoinstallation
Installationsfilm 2
Länge ca. 7 Min.
Kamera: Till Beckmann
ohne Ton

Der Entzug von Erfahrung gehörte in der Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Berlin-Hohenschönhausen zu den bewährtesten und effektivsten Methoden, mit denen Häftlinge psychisch destabilisiert wurden. Wochenlange Einzelhaft in kargen Zellen, kein Kontakt zur Aussenwelt, keine Kommunikation. Jeden Tag dieselben kahlen Wände; jeden Tag dasselbe Ritual von kurzem Hofgang, Essen und Schlafen. Dazwischen immer wieder Verhöre.
Leere. Stille. Sinnentzug. Ein klaustrophobisches Nichts – und dahinter die permanente Angst vor dem, was noch kommen mag: eine perfekte Anleitung zum Wahnsinnigwerden.

Die Arbeit GEGEN DIE WAND thematisiert diesen Entzug von Erfahrung in der Vergegenwärtigung von räumlichen Grenzen, die nicht nur Bewegungs- und Handlungsspielräume einschränken, sondern auf perfide Weise das Vorstellungsvermögen selbst begrenzen.
Ausgangsmaterial der 3-teiligen Videoinstallation sind auf dem Gelände der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt gedrehte kurze Videosequenzen. Mit Einzelzelle, Verhörzimmer, Flure, Freiganghof werden dabei solche Funktionsbereiche in den Blick genommen, die den Alltag der Häftlinge geprägt haben und – ganz buchstäblich – deren Horizont begrenzten. Es gibt kein „Außerhalb“ in diesen Bildern. Am Ende steht immer eine Wand: Die Zellenwände, die Wand des Verhörzimmers, die Mauern der Flure.
GEGEN DIE WAND visualisiert diese Unausweichlichkeit und die Macht der Grenze. Die Grenze gewinnt Form und Gestalt in einer Begrenzung des Blicks. Langsame Kamerafahrten tasten in einer horizontalen Bewegung die Zellwände ab. Sie werden in einer gleichbleibenden monotonen Bewegung visuell dokumentiert. Die Kamera wird zum Instrument einer teilnahmslosen, vollendet sachlichen Darstellung. Hier ein Fleck in der Wand, dort ein Kratzer oder eine Unebenheit im Putz, eine schwere Eisentür, ein gekachelter Waschbereich, die typische Beobachtungsluke und das stumpfe Licht, das durch die Glasbausteinfenster fällt und keinen Blick nach draußen ermöglicht.
In den Verhörzimmern scannt der Sucher der Kamera über Mustertapeten und Aktenschränke, fällt auf Spitzenvorhänge vor Fenstern, die höhnisch den Himmel und Fragmente eines „Draußen“ in kurzen Augenblicken zumindest erahnen lassen.

Die Installation auf 3 Flachbildschirmen zeigt die aufgenommenen Sequenzen simultan in einem Loop. Die Bewegungsrichtung der Kamera ist dabei immer gleich, so dass in der Abfolge der Bildschirme eine fließende horizontale Bewegung entsteht: Der Terror ist eine reibungslos funktionierende Maschinerie. Es gibt nichts „hinter“ diesen Oberflächen, keinerlei Hoffnung auf einen anderen Raum, der sich als zumindest imaginärer Fluchtpunkt anbieten würde. Es gibt nur das, was ist. Die Begrenzung ist beinahe physisch erlebbar.

Man könnte die Installation aus dieser Warte auch als eine Art psychosoziales Re-Enactment einer Häftlingserfahrung beschreiben. Die Betrachter werden gewissermaßen in die Blickperspektive eines Häftlings versetzt, der, in seiner Zelle oder im Verhörzimmer sitzend, diese Grenze als Manifestation einer absoluten Herrschaft erfährt.

Und doch scheint, ganz vereinzelt, in winzigen Details die Andeutung, der Schimmer von etwas anderem auf. Der entsteht dann, wenn man lange genug auf die Szenen schaut und in einem Schatten, einer Vertiefung im Putz plötzlich ein Bild zu erkennen meint, oder wenn sich aus dem Ornament der Tapete Gesichter und Gestalten herauslösen und eine von der Kamera eingefangene Photographie an der Wand eines Verhörzimmers auf einmal Sehnsüchte weckt. Es sind diese kleinen und kleinsten Fluchten, in denen die Begrenztheit des Systems dann eben doch sichtbar wird. Das Imaginäre durchbricht die Grenze. Die Vorstellungskraft perforiert die Oberfläche und ermöglicht Fluchten, die in letzter Konsequenz die Macht haben, das Faktische zu verändern.

Anja Osswald