Der Videochor

1991

Installation mit 10 Monitoren, 5 Zuspielern, 5 Filmen
Länge pro Film: 8:13 Min.
Sängerin: Maria de Alvear
Produktion: Schiebener & Jürgens Video Konzept Köln

In einem Raum von ca. 150 qm sind 10 Monitore in unterschiedlichen Größen und Dichte verteilt.
Auf allen Monitoren ist die Sängerin, Komponistin und Kagel-Schülerin Maria de Alvear zu sehen und zu hören, allerdings in verschiedenen Situationen, Räumen, Atmosphären. Sie befindet sich auf einem See oder in einem Keller oder zwischen Sendeanlagen über den Dächern Kölns. Bezogen auf die jeweilige Situation, improvisiert sie Gesänge, die sich zu einem 10-stimmigen Chor zusammenfügen. Die Bänder sind so montiert, dass sie mal nur auf einem Monitor singt, mal mehrfach, bis hin zu zehnfach mit sich selbst im Chor. Maria de Alvears Chorgesang, die Komposition, ist vom Zufall bestimmt – die Zufälligkeit ist bestimmt.
Die Aufnahme eines jeden Einzel-Gesanges ist in sich nicht geschnitten. Die Kamera bewegt sich ohne Unterbrechung um Maria de Alvear herum oder an ihr vorbei oder auf sie zu. Hierdurch ergibt sich bei dem Blick auf mehrere Monitore eine Bewegungsstruktur von einem mal gleichförmigen, mal gegeneinander laufenden Rhythmus. Wie beim Ton entsteht eine immer wieder neue Choreographie der scheinbaren Zufälligkeit. An jedem Standort im Ausstellungsraum ergibt sich eine andere Klangzusammenstellung.

„Das schauende und hörende Gehen im „Monitor-Wald“ bezieht den Betrachter in ein Ritual ein. Der Zusammenklang von Bilderfindung und Gesangsvortrag ist so stark, dass er über das technische Medium hinaus seine Suggestivkraft entfaltet. Ja, das technische Medium wird hier konsequent in den Dienst einer archaischen Ausdrucksform, des Gesangs, des Chorals, gestellt. Aus ihm hat sich ja bekanntlich seit Nietzsche („Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“) die Tragödie und mit ihr die Kunst entwickelt.
Aber gerade dadurch, dass Maria Vedder in ihrer Arbeit ihr Medium Video einer anderen Kunstgattung unterordnet, eröffnet sie sich eine neue Möglichkeit der Reflexion derselben, seiner Bedeutung und seiner technischen Bedingtheit. Dieser reflexive Bezug ist denn auch deutlich präsent, indem in dem ansonsten schwarz-weiß gehaltenen Bild einige Gegenstände abwechselnd eine der drei Grundfarben des elektronischen Bildes – Rot, Blau und Grün – annehmen.
Bei aller technischen Systematik, die dieser Arbeit zugrundeliegt, bleibt doch das letztendliche Hörerlebnis ein Refugium der Zufallsmacht. Den Zufall setzt die Künstlerin sogar ganz bewusst als Inszenierungsmittel ein – und macht damit eine Grundaussage über das Wesen und das Entstehen von Kunst.
„Ach, sie wollt so oft mit schmeichelnden Reden ihm nahen,/Weich liebkosend ihn bitten! Ihr Wesen verweigert`s: beginnen/Ist ihr verwehrt; doch ist sie gerüstet zu dem, was ihr zusteht;/Tönen zu lauschen, um dann ihre Worte zurückzusenden.“ – So beschreibt Ovid in seinen Metamorphosen die tragische Liebesgeschichte zwischen Echo und Narziß. Rufende, suchende, lockende Frauen sind ein fester Bestandteil in der antiken Mythologie, sie stehen dort für das Passive, Abwartende des Weiblichen – und seines Reizes.
In der Videoinstallation von Maria Vedder spiegelt sich die Tragik der Echo in den Gesängen der Maria de Alvear wieder. Hier wird Echo sich selbst zum Echo. Doch schon ist uns der flüchtige Geist von Echo – und mit ihm eine möglicherweise ausufernde Interpretation – wieder verschwunden:
„Und jetzt ist sie verborgen in Wäldern; man sieht sie auf keinem/Berg, doch jedermann hört sie, ihr Ton ist lebendig geblieben.“

Kathrin Luz