"Under Spaghetti Junction“, Fine Rats International, Birmingham, UK, 1993
„Beim Dornauszieher“, Akademisches Kunstmuseum Bonn, 1992

Das erweiterte Atemzentrum

1992

Mehr-Kanal-Installation mit Video und Licht
21 Monitore, 7 Videoplayer, 7 Filme, 21 Lausprecher, 21 von der Decke hängende Glühbirnen durch Scheibenwischermotoren langsam pendelnd.
Die Installation ist variabel je nach Ausstellungsraum.
Kamera: Dietlinde Stroh
Sound: Uwe Wiesemann

In der Ausstellung „Under Spaghetti Junction“, 1993, unter Großbritanniens bekanntestem Autobahnkreuz bei Birmingham, bildeten die 21 Monitore 2 Halbkreise. Durch die Spiegelung im Wasser des Kanals ergab sich eine liegende Acht, dem mathematischen Zeichen für Unendlichkeit. 21 Glühbirnen pendelten über dem Kanal.
„Under Spaghetti Junction“ wurde organisiert und kuratiert von der Künstlergruppe „Fine Rats international“ (Francis Gomila, Colin Pearce und Ivan Smith).

In der Ausstellung „Beim Dornauszieher“ im Akademischen Kunstmuseum Bonn 1992 wurden die Filme auf verschiedene antike Statuen projiziert, hier auf Hermes, den griechischen Gott der Kommunikation. Eine tief von der Decke herunterhängende nackte Glühbirne wurde in eine sanfte Pendelbewegung gebracht. Im Umfeld der Glühbirne standen vor allem Heldenfiguren mit wegweisend emporgestreckten Armen.

Die Filme zeigen pendelnde Gegenstände, einen Stuhl, ein Bambusstöckchen, eine Tasse, ein Paar Schuhe, einen Papierflieger, einen Pappkarton, ein Kissen oder eine Fahne.

Die Dinge, in der Informationsverarbeitung zu Undingen kodiert, fließen auf den elektromagnetischen Strahlen wie auf einem fliegenden Teppich in Lichtgeschwindigkeit durch den unbegrenzten Raum.
Der Flug der virtuellen Dinge, sichtbar dekodiert in der Arbeit „Das erweiterte Atemzentrum“, erinnert an die Formen der direkten Kommunikation zwischen den Menschen, als Informationen wie auch Güter auf materiellen Wegen von hier nach dort gebracht wurden. Der Stuhl, auf dem ich mich setze, um zuzuhören; die Tasse Kaffee, die Konzentration verspricht; der Schirm, der beschützt; das Bambusstöckchen des Zen-Meisters für die Körpersprache mit seinem Schüler; der Pflasterstein wie ein Argument; die Fahne des Flaggenalphabets der Matrosen.
Die durch den Raum fliegenden Informationen, sie kommen und gehen, erkannt und unerkannt, wie ein unaufhörliches Atmen.

„Die Dinge so anzusehen, als sähe man sie zum ersten Mal, ist eine Methode, um an ihnen bisher unbeachtete Aspekte zu entdecken. Es ist eine gewaltige und fruchtbare Methode, aber sie erfordert strenge Disziplin und kann darum leicht misslingen. Die Disziplin besteht im Grunde in einem Vergessen, einem Ausklammern der Gewöhnung an das gesehene Ding, also aller Erfahrung und Kenntnis von dem Ding. Dies ist schwierig, weil es bekanntlich leichter ist zu lernen als zu vergessen. Aber selbst wenn diese Methode des absichtlichen Vergessens nicht gelingen sollte, so bringt ihre Anwendung doch Überraschendes zutage, und zwar tut sie das eben dank unserer Unfähigkeit, sie diszipliniert anzuwenden.“
Vilém Flusser